Interview: Mattia Piffaretti darüber, wie wichtig es ist, die menschlichen Faktoren zu verstehen, um sicher zu riden
Mathieu Ros Medina ist begeistert von den Bergen, vom Skifahren und vom Snowboarden und bringt über 15 Jahre Erfahrung als Journalist in diesen Bereichen mit.
Der Sportpsychologe Dr. Mattia Piffaretti leitet in Lausanne das sportpsychologische Beratungsbüro AC&T Sport Consulting (www.actsport.ch). Im Auftrag mehrerer nationaler und internationaler Sportorganisationen begleitet er die mentale Vorbereitung von Athletinnen und Athleten, Trainern und Schiedsrichtern. Er engagiert sich für die Gesundheitsförderung durch Sport und ist Lektor für Sportpsychologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Er ist zudem ein treuer Wegbegleiter von WEMountain und ein leidenschaftlicher Mensch, dem man gerne zuhört.
Mathieu Ros (MR): Muss man als Sportpsychologe selbst Sport treiben, um ihn zu verstehen? Und wie ist deine Beziehung zum Skifahren?
Mattia Piffaretti (MP): Ich glaube schon: Als Sportpsychologe ist es wichtig, selbst sportliche Erfahrungen gemacht zu haben. Im Wettkampf war ich Basketballspieler auf hohem Niveau. Dadurch habe ich die mentalen Aspekte des Sports und die Gruppendynamik von innen heraus verstanden. Was das Skifahren betrifft, hatte ich das Glück und das Privileg, schon als kleines Kind Skiferien zu machen, ob in Graubünden, im Wallis oder in den Tessiner Tälern. Das ist eine Umgebung, die mir vertraut ist, auch wenn ich vor allem auf der Piste fahre. Ich bin gerne in einer verschneiten Umgebung, aber ich habe nicht die Erfahrung, wirklich in Hänge zu gehen, in denen ein Risiko leichter entstehen könnte, zum Beispiel durch Steinschlag oder Lawinen. Ausserdem habe ich als Jugendlicher Ausflüge in die Berge gemacht, Erfahrungen, bei denen ich mich schnell auch mit dem Gedanken der Exposition, der Selbsterkenntnis und der eigenen Grenzen auseinandergesetzt habe.
MR: Du hast unterschieden zwischen Sportarten, die man in der Natur ausübt, wie Segeln oder Skibergsteigen, und den anderen. Wenn es um das Risiko am Berg geht, konzentriert man die Sicherheit oft stark auf die Schneedecke, den Berg, auf alles, was ausserhalb von uns liegt. Als ob alles, was Risiko ist, ausserhalb des Menschen läge. Dieser Perspektivenwechsel ist doch sehr neu, oder?
MP: Es ist ein wenig die Illusion, zu glauben, dass Technologie, das Wissen über die Schneedecke oder Informationen es ermöglichen, alle Risiken zu vermeiden. Man stellt fest, dass der menschliche Faktor in 90 % der Fälle die Ursache für ausgelöste Lawinen oder für Situationen ist, in denen sich jemand einem Risiko aussetzt. Was wir «menschlichen Faktor» nennen, ist der Zustand der Person, der ihr Verhalten bei ihren Aktivitäten im Freien beeinflusst. Der menschliche Faktor ist das, was filtert und bestimmt, ob die Person gewisse Anzeichen wahrnimmt oder nicht und welche Entscheidungen sie trifft. Bei WEMountain sind wir von diesem Paradigma ausgegangen und haben wirklich daran gearbeitet. Das wird den Unterschied in den Zahlen und bei der Verringerung der Unfallhäufigkeit ausmachen.
MR: Ihr habt das MHF genannt, für Mountaineering Human Factor. Was ist das genau?
MP: Das ist ein Instrument, das auf der Grundlage der wissenschaftlichen Literatur entwickelt wurde, indem wir gewisse Fachleute und Personen aus diesem Umfeld befragt haben, die ganz konkrete Situationen schildern konnten. Wir haben typische Szenarien erarbeitet, auf deren Grundlage wir Fragebögen entwickelt haben, in denen sich die Wintersportler positionieren. Wie würden sie in dieser oder jener Situation reagieren? Was würden sie sich im Kopf sagen? Welche Motivationen hätten sie? So haben wir das Werkzeug aufgebaut, eine Art Bewertung dieser menschlichen Faktoren. Wir interessieren uns für den Einfluss der Emotionen, der Motivationen und der Wahrnehmungen, also dafür, wie wir die Realität wahrnehmen und welche kognitiven Verzerrungen wir in bestimmten Situationen haben können. Wir erklären, dass all das einen Einfluss darauf hat, wie man danach mit den Herausforderungen umgeht, mit Verhaltensweisen und Techniken, durch die man sich, je nachdem, wie man reagiert, einem Risiko aussetzt oder im Gegenteil in Sicherheit bringt.
MR: Das sind Dinge, die stark von mehreren Faktoren abhängen. Das heisst, es hängt von einem selbst ab, vom persönlichen Zustand, aber auch vom Zustand der Gruppe, in der man sich befindet, nehme ich an?
MP: Einer der wichtigen Faktoren beim Aspekt der Wahrnehmung ist, dass der Gruppeneffekt entweder eine schützende Rolle spielen kann oder die Rolle eines Verstärkers, der zu noch grösserer Risikobereitschaft führt. Man weiss aus der Literatur, dass manche Unfallsituationen darauf zurückgehen, dass eine Gruppendynamik im Spiel war. Unfälle, weil Skifahrer zu nahe beieinanderbleiben und ihnen der individuelle kritische Blick fehlt, bei dem man sich sagt: «Da ist etwas, das ich wahrnehme, aber ich traue mich nicht, es zu sagen, weil die Gruppe in diese Richtung geht».
MR: Diese medizinische, menschliche Seite: Das sind Dinge, die gut dokumentiert sind, aber wie wird das konkret umgesetzt?
MP: Das Instrument als solches wird heute für die Bewusstwerdung und zur Förderung der Selbstreflexion der Wintersportler eingesetzt. Es hält ihnen einen Spiegel vor und bringt sie dazu, sich jeden Morgen vor dem Aufbruch zu fragen: «Wie ist mein inneres Wetter? Wie gross ist mein Gefühl der Dringlichkeit? Welche Motivationen habe ich? Gehe ich hin, weil ich wirklich Lust habe, oder fühle ich mich verpflichtet, hinzugehen?» Je nach Antwort, die ich gebe, kann ich mich mehr oder weniger leicht in riskante Situationen bringen. Diese Bewusstwerdung ist enorm wichtig. Bei der mentalen Vorbereitung geht es vor allem um einen Bewusstseinszustand: Welche Ressourcen habe ich? Wie ist mein Zustand? Welche Kompetenzen habe ich? Was werde ich einsetzen? Wie bereite ich mich darauf vor, etwas anzugehen, ohne es zu verharmlosen und ohne es auf die leichte Schulter zu nehmen, sondern es wirklich zu geniessen und mir die Zeit und die Geduld zu nehmen, um nicht nur mein Material sorgfältig vorzubereiten, sondern auch und vor allem mich selbst, meine Emotionen, meine Visualisierung, meine Vorbereitung auf alternative Szenarien? Im Wettkampfsport ist das eine sehr wichtige und immer verbreitetere Arbeit.
MR: Es stimmt, dass das Vorbereiten der Ausrüstung das eine ist. Wir haben Rucksäcke und füllen sie mit Handschuhen, Trinkflaschen usw. Aber wir vergessen oft, uns selbst vorzubereiten, obwohl wir doch die Hauptperson in unserem Leben und in unserem Sport sind.
MP: Genau das wollten wir entwickeln. Heute bringen wir mit diesem Instrument, das in die Ausbildungen von WEMountain integriert ist, diese notwendige Introspektion. In Zukunft möchten wir praktische Instrumente einführen, um dieses Bewusstsein zu üben: die Fähigkeit, sich Zeit zu nehmen, zu atmen und nicht den Emotionen oder den Wahrnehmungen nachzugeben, die oft unbewusst sind. Vieles läuft fast automatisch ab, und genau hier kann diese Arbeit an sich selbst mit konkreten, praktischen Werkzeugen ansetzen, die Leben retten können. Im Moment geht es vor allem darum, über die menschlichen Faktoren aufzuklären, sie zu begleiten und die Teilnehmenden der Kurse darin zu coachen, sie besser zu berücksichtigen und besser zu steuern.