Schottische Zähigkeit
Von Tess Weaver Strokes
Erstmals auf Englisch erschienen in Backcountry Magazine (US) #135 und auf Französisch in Backcountry Magazine (France) #001
Tess ist freie Journalistin in Aspen, Colorado. Sie hat für The Wall Street Journal, ESPN und Freeskier geschrieben.
In den Cairngorms, dem grössten Nationalpark Grossbritanniens, ist schon das Klima selbst legendär. Auf diesem Hochplateau, 1200 m über der Nordsee, sind die abgerundeten, mit Felsblöcken übersäten und von Felsaufschlüssen gekrönten Gipfel dem rauesten und wechselhaftesten Wetter des Vereinigten Königreichs ausgesetzt. Die Region hält gleich doppelt den Rekord für die tiefste Temperatur des Landes und auch den Rekord für die Windgeschwindigkeit, mit über 283 km/h auf dem Messgerät.
Im Skigebiet Cairngorm Mountain Ski zu fahren heisst, zwischen den riesigen Schneezäunen hindurchzukurven, die den Wind bremsen sollen, der regelmässig mit mehr als 160 km/h bläst. Henry Iddon (schottischer Fotograf und Filmemacher): «In den schottischen Highlands erlebt man manchmal vier Jahreszeiten an einem Tag. Auf einer Skitour kann sich der Schnee im Lauf des Tages sehr schnell verändern. Man kann im Pulverschnee starten, dann in Triebschnee und Bruchharsch wechseln, bevor man auf einer Eisbahn, auf Grasbüscheln oder auf Teppich landet. Und das alles auf einer einzigen kleinen Tour! Am nächsten Tag ist es an denselben Stellen vielleicht völlig anders. Wer in Schottland Ski fahren kann, kann überall Ski fahren.»
Doch so wechselhaft das Klima auch ist, Altschneefelder sind in dieser alpin-arktischen Umgebung häufig. Auf diesen Schneeresten wurde Helen Rennie, 65 Jahre alt und heute pensionierte Lehrerin, zur ersten Person, die zehn Jahre lang mindestens einmal pro Monat auf schottischem Schnee Ski gefahren ist. Alistair Todd (Verantwortlicher für Schneesport bei Mountaineering Scotland): «Helen fährt bei jedem Wetter Ski, und ich glaube, sie liebt die Berge mehr als irgendjemand sonst. Sie ist eine echte Inspiration.»
Helen Rennie fuhr zehn Jahre und fünf Monate lang Ski, bevor Covid-19 und der Lockdown sie stoppten (sie wohnt in Inverness, 65 km von den Bergen entfernt). «Ich wusste, dass es eines Tages enden würde», vertraut sie uns an. «Dass ich keine Wahl hatte, hat es mir am Ende leichter gemacht. Ich habe wunderbare Erinnerungen an dieses Jahrzehnt, ich hatte wirklich Glück, das erleben zu dürfen.» Alles beginnt 2006, als Helen Rennie es schafft, elf Monate in Folge Ski zu fahren. Im Oktober 2007 zwingt sie ein Speiseröhrenkrebs zu einer Pause von einigen Wochen. Doch nach zwei Chemotherapien und einer Operation steht sie im März 2008 wieder auf den Ski, um der Krankheit mit Skitouren die Stirn zu bieten. «Wenn ich auf meinen Ski stehe, vergesse ich alles andere. Das tut mir sehr gut, alle meine Probleme lösen sich in Luft auf.»
2010 erlebt das Vereinigte Königreich den kältesten und schneereichsten Winter seit 1978. Todd erzählt: «Es war manchmal wirklich unglaublich. An den seltenen Tagen mit blauem Himmel verwandelte sich Schottland in ein Paradies für Skitouren.» Helen schnallt ihre Ski an und lässt bis zum pandemiebedingten Lockdown im April 2020 keinen Monat aus. Henry Iddon: «Das hat ihr ein enormes Engagement abverlangt. 120 Monate lang, Monat für Monat, immer Lust zu haben, die Ski anzuschnallen, während man nebenbei arbeitet, das ist aussergewöhnlich. Manchmal ging sie am späten Nachmittag nach dem Unterricht in die Berge, um ein Wetterfenster zu nutzen und ein paar Schwünge zu machen.»
Im Oktober ist es am schwierigsten, ein Schneefeld zum Skifahren zu finden, und 2017 hätte Helen beinahe das Handtuch geworfen. Ihr Lieblingsschneefeld in den Cairngorms, das sich normalerweise bis September oder Oktober hielt, war schon im Juli geschmolzen. Im Vormonat hatte sie auf einem Schneefleck am Aonach Beag bei Fort William fahren müssen. Diesmal nahm ihr Zustieg kein Ende und wurde immer mühsamer: Ihre Scarpa Denali hatten den Geist aufgegeben, sodass sie alte, neu besohlte La Sportiva Sparkle tragen musste. Als sie im Nebel ein Geröllfeld hinunterstieg, entdeckte sie endlich ein Schneefeld, das gross genug zum Fahren war. Nachdem sie die Ski zwischen den Steinen angeschnallt hatte, konnte sie die Herausforderung meistern.
«Mir ist aufgefallen, dass sich die Temperaturen in Schottland im Winter nicht auf dieselbe Weise verändern», erzählt sie. «Wenn es schneit, schiessen sie in die Höhe, und der Schnee bleibt nicht liegen.»
Laut Iian Cameron, der im Rahmen seiner Forschung bei der Royal Meteorological Society die Schneefelder des Landes erfasst, gab es seit den 1700er-Jahren nur sechs Jahre, in denen die Schneedecke in Schottland vollständig verschwunden ist. Drei davon fallen in das Jahrzehnt von Helens Rekord. Eine Studie von ClimateXChange aus dem Jahr 2019, durchgeführt in den Cairngorms, zeigt, dass die Dauer der Schneebedeckung in bestimmten Höhenlagen in den kommenden Wintern um 60 % abnehmen dürfte.
Laut Cameron «scheint es, dass es in Schottland immer weniger Schneefelder geben wird, die das ganze Jahr überdauern. Allgemein stellt man einen Rückgang der Schneebedeckung im Vergleich zu vor nur wenigen Jahrzehnten fest».
Henry Iddon hat über Helen und ihre Leistung einen Film gedreht, Hilly Skiing, der auch den Klimawandel thematisiert: «Es gibt so viele Filme über Ski, Snowboard usw., die in fernen Ländern spielen und das Abenteuer, Traumreisen und Heliskiing verherrlichen… Das gehört dazu, aber Menschen wie Helen, die das ganze Jahr vor ihrer Haustür Ski fahren, sind das Herz und die Seele des Skisports.»
Für Alistair Todd gilt: «Helens Leistung ist nicht nur beeindruckend, bei der Wechselhaftigkeit der schottischen Schneeverhältnisse ist sie unglaublich! Helens Rekord ist bis heute unerreicht und wird wahrscheinlich nie gebrochen werden.»