Nicolas Hale-Woods, die FIS und die Freeride World Tour
Interview von Mathieu Ros für WEMountain
Mathieu Ros Medina ist ein leidenschaftlicher Skifahrer, Snowboarder und Bergliebhaber mit mehr als 15 Jahren Erfahrung als Journalist in diesen Bereichen.
Alles begann 1994. Nico Hale-Woods und sein Kumpel Philippe Buttet drehten einen Film für Victorinox und standen mit dem Snowboard auf dem Bec des Rosses in Verbier. Dort kam ihnen die Idee, das Xtreme de Verbier ins Leben zu rufen, dessen erste Ausgabe 1996 stattfand und aus dem die Freeride World Tour hervorging. Die Ankündigung im Dezember 2022, dass FWTSA an den internationalen Skiverband (FIS) verkauft wird, hat viel Staub aufgewirbelt. Wir haben Nicolas ein paar Fragen gestellt, um zu erfahren, was sich dadurch in der Freeride-Wettkampfszene ändert, insbesondere mit Blick auf eine mögliche olympische Anerkennung.
WEMountain:
Kannst du uns erzählen, wie die Freeride World Tour entstanden ist?
Nicolas Hale-Woods:
1997, ein Jahr nach dem ersten Xtreme de Verbier, waren wir ganz nah dran, eine Tour mit einem Event in Russland und einem in Alaska zu lancieren. Das kam aber nicht zustande, weil der damalige Marketingdirektor von O’Neill kurz vor der Unterzeichnung entlassen wurde, und O’Neill war der Hauptsponsor. Letztlich war es gut, dass wir nicht 1997 gestartet sind, denn wir wären zu früh gewesen: Damals war das Xtreme de Verbier noch zu 100% den Snowboardern vorbehalten.
10 Jahre später, 2007, haben wir FWTSA gegründet. Nachdem wir die Rookies Quest organisiert hatten, die Qualifikationen für das Xtreme de Verbier (vorher lief es nur auf Einladung), hatten wir gesehen, dass wir Events auch anderswo als bei uns organisieren konnten, namentlich in Flaine in Frankreich und in Andermatt in der Schweiz.
Die erste Freeride World Tour fand 2008 statt, mit 4 Events in Mammoth, Sotschi, Tignes und Verbier, zu einem grossen Teil finanziert von Nissan Europe, das uns schon bei den Outdoor Games in Interlaken und Tignes begleitet hatte.
Ich war alleiniger Aktionär, und im Team waren meine Cousine Isabelle de Lalène und Yannick Ducrot. Ziemlich bald kam David Carlier für die Kommunikation dazu. Wir waren zu viert im Büro.
WEMountain:
Ich wusste nicht, dass die FWT zum Verkauf stand. Seit wann liegt die Idee auf dem Tisch?
Nicolas Hale-Woods:
Sie stand nicht zum Verkauf, um sie loszuwerden, sondern um sie zu stärken. Wir sind seit Beginn organisch gewachsen, ohne zusätzliches Kapital. Die FWT ist ein hübscher 16-jähriger Teenager, der noch ein paar Pickel hat, und den muss man jetzt ins Erwachsenenalter bringen. Wir bewegen uns aber in einer Welt der Sportevents, in der die Konkurrenz enorm ist. Und dazu haben wir ein Modell, bei dem wir nicht wie viele andere Sportarten auf Bildrechte oder Ticketverkauf zählen können: Bei uns macht nur die dritte Säule, das Sponsoring, über 80% unserer Einnahmen aus.
Eine kleine private Firma mit einem Budget von 5,5 Millionen ist also nicht das beste Setup. Ich stehe seit 25 Jahren an der Front, um Geld aufzutreiben, und weiss, wie schwierig das ist. Und in 10 Jahren bin ich bald im Rentenalter. Ich hätte nicht dasselbe weitermachen und eines Tages gehen wollen, ohne dass alles auf soliden Schienen steht.
Deshalb haben wir zuerst verschiedene Akteure angesprochen, mit dem Ziel, dass sie investieren und es ein Miteigentum gibt, eine strategische Partnerschaft, die uns gegenseitig stärkt. Wir haben mit US-Firmen gesprochen, die im Event- und Medienbereich tätig sind, auf diesem Markt, der der wichtigste ist und auf dem wir nicht stark sind, weil wir kleine Schweizer und Europäer sind. Wir haben auch mit Europäern gesprochen, mit Investmentfonds und so weiter. Aber ich habe das alles nicht gemacht, um die FWT zu verkaufen, Geld einzustreichen und in Rente zu gehen.
WEMountain:
Warum habt ihr am Ende mit der FIS abgeschlossen?
Nicolas Hale-Woods:
Die Zukunft wird zeigen, ob ich recht hatte, aber für mich gibt es fünf gute Gründe für diese Wahl.
- Das Netzwerk. Wenn du dir sagst, dass es in Georgien oder Kasachstan Möglichkeiten und schöne Berge gibt, dann hat es nicht dasselbe Gewicht, ob Nicolas Hale-Woods den Marketingdirektor der Skigebiete oder des Tourismusbüros kontaktiert, oder ob der Präsident der FIS mit dem Präsidenten dieser Länder spricht.
- Der Zugang zu FIS Marketing. Wir haben keinerlei Garantie: Nur weil wir bei der FIS sind, werden Generali oder Longines nicht automatisch Partner der FWT. Aber wir werden die Möglichkeit haben, mit ihnen zu sprechen, und die ist auch hier besser, als wenn wir von ganz unten anklopfen.
- Der Zugang zu FIS Media. Auch hier gibt es vorerst keine zusätzliche Verbreitung, aber das könnte der FWT ein grösseres Publikum bringen.
- Die Legitimität und die Anerkennung für die Rider, die Zugang zu offizielleren Status erhalten und so von Erleichterungen im Studium profitieren können, oder sogar von finanzieller Unterstützung durch gewisse Institutionen, die nur dann ins Spiel kommen, wenn du einem Verband angehörst, der vom Olympischen Komitee deines Landes anerkannt ist.
- Der fünfte Punkt sind eines Tages die Olympischen Spiele. Ich glaube, der Zugang zu den Spielen bringt allen Sportarten mehr Vorteile als Nachteile, das hat man beim Ski-Slopestyle und sogar beim Snowboard gesehen. Darüber kann man natürlich diskutieren, aber wenn man sich Surfen, Skateboarden oder Klettern anschaut, funktioniert es. Ich habe nur sehr wenige Leute sagen hören, dass das Klettern durch die Olympischen Spiele seinen Geist verloren hat. Beim Surfen habe ich das kein einziges Mal gehört, beim Skaten auch nicht. Sobald der Sport so organisiert ist, wie es die Rider wollen, sehe ich nicht, warum der Geist verschwinden sollte.
Ich sage es noch einmal: Wir sehen uns in einem Jahr, in drei, fünf, acht Jahren wieder, und dann werden wir sehen
WEMountain:
Hattest du eine Wahl, um weiterzumachen, oder war das die einzige Lösung?
Nicolas Hale-Woods:
Ehrlich gesagt hatte ich eine Wahl. Hätte ich nicht einen Gesprächspartner wie Johan Eliasch gehabt, der eine andere Vision der Zukunft der FIS hat, würden wir jetzt nicht darüber sprechen.
Er ist ein Reformer. Er sagt: «Euer Modell, bei dem ein Rider Zugang zu seinem Run hat und ihn in seinen Netzwerken teilen kann, ist die Richtung, in die sich jeder Sport bewegen muss.» Heute hat Odermatt, wenn er in Alta Badia gewinnt, keinen Zugang zu einer einzigen Sekunde seiner Abfahrt, weil alles an InFront geht und fest zementiert ist. Das ist ein Modell, das funktioniert hat und das, wie manche sagen, immer noch funktioniert, aber es bremst die Entwicklung. Wir haben über 650 000 Fans auf Instagram, FIS Alpine hat 240 000. Da gibt es eindeutig ein Problem.
Dann gibt es eine ganze Struktur, die völlig zersplittert ist, mit vielen Rechten bei den Verbänden, auf deren Gebiet Wettkämpfe stattfinden. Manche sagen, das sei ein Modell des 20. Jahrhunderts, und im 21. Jahrhundert müsse man zentralisieren, damit alle davon profitieren.
WEMountain:
Du meinst also, du willst die FIS verändern, und nicht umgekehrt?
Nicolas Hale-Woods:
Nein, nein, ich sage nicht, dass ich so etwas tun werde, aber unser Modell interessiert sie, das ist alles. Das Modell der FWT heute: Wir sind ganz klein, aber wie gesagt, wir haben 650 000 Fans auf Instagram…
WEMountain:
Kannst du uns mehr über die Bedingungen des Verkaufs sagen und darüber, was sich in der Organisation der FWT ändern wird?
Nicolas Hale-Woods:
Darüber kann ich nicht wirklich sprechen, das ist vertraulich, aber ich verpflichte mich sehr langfristig, für 6 bis 10 Jahre. Auch wenn Freeride in der Zwischenzeit olympisch wird. Der Deal ist, dass wir mit unserem Budget und unserem Team weiterarbeiten… Es ist nicht so, dass wir jetzt alle Krawatten tragen, die Hälfte unserer langjährigen Mitarbeitenden entlassen und das Modell komplett ändern. Ich bleibe für das Budget der FWT verantwortlich, vielleicht mit Unterstützung, aber die ist überhaupt nicht garantiert. Wäre ich müde gewesen, hätte ich mich nicht auf einen solchen Deal eingelassen. Es ist eine neue Herausforderung. Wir müssen die FWT weiter wachsen lassen, aber auch ein Modell für die Integration in die FIS finden. Das reicht von einer unabhängigen Einheit bis zu einer vollständigen Integration, und im Moment ist alles noch offen. Langfristig wird es wahrscheinlich etwas dazwischen sein. Dazu kommen Kontakte mit vielen nationalen Verbänden, die keine Klone sind und sich stark voneinander unterscheiden können.
WEMountain:
Was bringt das in Sachen Standardisierung, insbesondere bei der Sicherheit?
Nicolas Hale-Woods:
Für die kommende Saison ändert sich absolut nichts. Präsident Eliasch hat mir gesagt: «Ihr seid die Experten, ihr macht die Dinge gut, wir wollen da auf keinen Fall etwas ändern.» Es ist nicht so, dass sie uns Richtlinien zur Sicherheit eines Freeride-Events vorschreiben würden. Wir machen das seit 25 Jahren, wir sind nicht perfekt, aber wir haben Protokolle entwickelt, die ziemlich gut funktionieren. In diesem Punkt wird sich also kurz- und mittelfristig nichts ändern.
Irgendwann lautete die Frage: «Wird es innerhalb der FIS eine Freeride-Kommission geben?» Die Antwort ist: «Die FWT ist die Freeride-Kommission innerhalb der FIS.»
Auch sonst wird sich nichts ändern: Die Verträge der Angestellten bleiben dieselben, die Firma gehört jetzt der FIS, aber wir werden weiterhin unsere Peak-Performance-Outfits tragen und keine FIS-Mützen aufsetzen.
WEMountain:
Gibt es in diesem Deal Leitplanken, oder kann ab nächstem Jahr alles passieren?
Nicolas Hale-Woods:
Die grundlegenden Klauseln sind, dass ich die Leitung der FWT behalte, dass ich für das Budget verantwortlich bin und dass ich es unabhängig aufbauen kann, mit der einzigen Auflage, bei einer Erneuerung den Partnern der FIS den Vortritt anzubieten. Ausserdem ist die FWT die Freeride-Kommission innerhalb der FIS und legt damit die Regeln des Sports, der Bewertung und der Ranglisten fest.
Zudem ist es kein Geheimnis, dass die FIS heute mit gewissen nationalen Verbänden nicht einig ist. Im Moment hat das keinen Einfluss auf die Entwicklung der FWT. Und an dem Tag, an dem Freeride olympisch wird, werden die nationalen Verbände per Definition zwangsläufig beteiligt sein, und meine Vision ist, dass wir dann ein Win-win-Modell finden. Beim Ski Freestyle ist das heute nicht ganz der Fall, da gehen alle Rechte an den nationalen Verband, und die Rider sind fast Angestellte.
WEMountain:
Nach der Ankündigung des Verkaufs haben wir viele sehr kritische Kommentare gelesen. Trifft dich das? Es ist immerhin der grösste Shitstorm seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk…
Nicolas Hale-Woods:
Es trifft mich ein bisschen, aber nicht sehr. Es ist nie besonders angenehm zu lesen, dass du deine Seele dem Teufel verkauft hast und gerade unseren Sport zerstörst. Aber man muss das relativieren. Dieser Instagram-Post hatte 13 000 Likes und 1300 Kommentare, davon 97% negativ. Bei so einem Shitstorm kriegen die wenigen, die versuchen, positiv zu sein, sofort eins aufs Dach. Also melden sich all jene, die neutral oder positiv sind, gar nicht erst zu Wort. Es sind nicht 97% unseres Publikums dagegen.
Wenn du dann ein bisschen schaust, wer die Stimmung anheizt, merkst du, dass einer davon gar kein Freeride macht, sondern Gras im Versandhandel verkauft. Da denkst du dir, dass in diesem Fall vielleicht ein Marketingmanöver dahintersteckt…
Natürlich sind nicht alle von dieser Sorte. Ich hatte ein super Gespräch mit Markus Eder, der mich angerufen hat, bevor er kommentierte. Er hat mir seinen Fall erklärt: Er fuhr 2013 Slopestyle, wurde ins italienische Team für die Olympischen Spiele in Sotschi aufgenommen, und für ihn war das die Hölle, weil er wegen Sponsorengeschichten bis vor Gericht gehen musste, wo er verloren hat. Ich habe ihm erklärt, dass wir in einem anderen System sind. Er hat ein Emoji mit einem Typen gepostet, der Angst hat, und ich verstehe ihn, ich nehme es ihm nicht übel. Ich glaube, nur die Zeit wird zeigen, ob es richtig war, diesen Weg einzuschlagen.
WEMountain:
Hast du dich beraten lassen oder diese Entscheidung allein getroffen?
Nicolas Hale-Woods:
Ich habe mit dem Management der FWT, dem Board und unserem Beirat darüber gesprochen. Auch mit ein paar Ridern, wie Reine Barkered. Mit jungen Leuten, die nicht diese Vorgeschichte mit der FIS haben, die den nationalen Snowboardverband geschluckt und den Freestyle «getötet» hat. Eine Sybille Blanjean zum Beispiel hat genug davon, dass man ihr sagt, sie sei keine Spitzensportlerin. Ganz klar sehen die Jüngeren, die professioneller unterwegs sind, darin eine Chance, eines Tages an die Spiele zu gehen und eine richtige Karriere zu machen. Wenn manche finden, das sei langweilig, weil es Dopingkontrollen geben wird, dann sollten sie keine Wettkämpfe fahren, oder sie sollten eine andere Tour machen. Die Rider müssen Verantwortung übernehmen, und es gibt immer weniger, die am Wettkampftag kiffen. Es gibt den Freizeitkonsum, das ist im Freestyle auch so, aber Jungs, wer Karriere machen will, weiss, dass er 6 bis 8 Wochen vorher verzichten muss, und das ist in allen Sportarten so.
Kurz: Die Kritik lässt mich nicht völlig kalt, aber für mich ist sie eher eine Motivation, den Sport in die richtige Richtung weiterzuentwickeln.
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