Interview: Robert Bolognesi, freier Skifahrer und Schneeforscher

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Mathieu Ros Medina

Mathieu Ros Medina ist begeistert von den Bergen, vom Skifahren und vom Snowboarden und bringt über 15 Jahre Erfahrung als Journalist in diesen Bereichen mit.

Robert Bolognesi, promoviert in Geografie (Grenoble, 1991) und in Informatik (EPFL, 1999), ist ein echter Liebhaber des Schnees, der als Lawinenspezialist die Alpen und die Berge der Welt bereist. Er war in den 80er-Jahren an der Gründung von Skistationen beteiligt, hat Methoden zur Herausgabe lokaler Lawinenbulletins entwickelt, Strassen gesichert (mit seinem Ingenieurbüro Meteorisk) und ganze Bereiche der angewandten Modellierung von Schnee und Lawinen erschlossen. Als Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher über Lawinen, Referent, Programmierer, Statistiker sowie Pistenpatrouilleur und Sprengmeister ist Robert Bolognesi vor allem ein kompletter Skifahrer mit einer ganz eigenen Vorstellung von Freiheit. Wir treffen ihn mitten im Sommer oben auf dem Col de la Forclaz, auf einer Terrasse am Rand einer Bergstrasse, für deren Sicherheit er 15 Jahre lang verantwortlich war (auf der Höhe des Col des Montets).

Mathieu Ros (MR): Erzähl uns zum Einstieg doch ein wenig, wie du dahin gekommen bist, Robert Bolognesi.

Robert Bolognesi (RB): Ich liebe den Schnee! Zuerst war ich Pistenpatrouilleur in Alpe d’Huez; sehr oft ging ich mit Fellen zur Arbeit, mit meinen Rossignol 3G von 2,05 m, meinen Dynafit 3F und meinen Securafix. Dieses Material war unglaublich schwer, aber ich sagte mir: «In der Abfahrt wird es sich lohnen.» Schon sehr früh habe ich erkannt, wie nützlich die Modellierung ist, um Lawinen besser zu verstehen. Also habe ich mit dem Programmieren begonnen. Weil die Berge ein natürlicher Lebensraum sind, hält sich immer der Glaube, man könne «die Dinge spüren». In Wirklichkeit ist das aber «subjektive» Statistik, die man mathematisch formalisieren kann. Danach habe ich immer versucht, mein Wissen zu vertiefen und es mit meinen Beobachtungen im Gelände abzugleichen.

MR: Heisst das, dass du der Maschine mehr vertraust als dem Bergführer? Glaubst du nicht an die Erfahrung in den Bergen?

RB: Doch, natürlich glaube ich an die Erfahrung (und an die Intuition) des Bergführers! Aber die Aufgabe des Bergführers ist es, das gesetzte Ziel zu erreichen und die Leute ohne Zwischenfall und unter den bestmöglichen Bedingungen zurückzubringen. Dafür kann er die Route wählen und im Zweifelsfall die Tour ändern. Der Lawinenprognostiker hat diese Wahl nicht: Er kann die zu sichernde Strasse oder das Dorf nicht verschieben! Er muss also vorhersagen, wann die Lawine abgeht, wie gross sie sein wird und wie weit sie hinunterkommt. Und dafür ist der Computer ohne Zweifel ein wertvoller Helfer.

Kurz gesagt: Um Lawinen möglichst gut vorherzusagen, braucht es meiner Meinung nach Erfahrung UND theoretisches Wissen UND Daten UND leistungsfähige Software.

MR: Sind Lawinen eine exakte Wissenschaft? Eine, die sich im Lawinenbulletin widerspiegelt?

RB: Auf jeden Fall sagen wir Lawinen heute etwas besser voraus als vor 30 Jahren! Und das Bulletin wird immer besser. Es liefert allerdings nur eine allgemeine Information, ähnlich wie eine Tafel am Eingang eines Waldes, auf der mal steht: «Heute gibt es Rehe», mal «Heute sind die Tiger unterwegs». Man sagt nicht, wo sie sind, aber man sagt, dass es welche gibt. Das ist eine grobe, aber bereits wertvolle Information für den unerfahrenen Abenteurer.

MR: Du hast an der Entwicklung der europäischen Lawinengefahrenskala mitgewirkt. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

RB: Ich habe an der Entwicklung der europäischen Lawinengefahrenskala als Beisitzer mitgewirkt, mit dem Auftrag, Beobachtungen und Vorschläge einzubringen.

Anfang der 90er-Jahre fuhren immer mehr Leute abseits der Pisten, und nicht mehr nur in ihrer eigenen Region. Aber jedes Land hatte seine eigene Skala, was zu grosser Verwirrung führte. Es war die Zeit der Gründung der EU, mit neuen Perspektiven für die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Das Umfeld war also sehr günstig, um die Information über die Lawinengefahr zu vereinheitlichen und eine gemeinsame Skala für alle Länder Europas zu schaffen.

Das Vorhaben war begeisternd, aber sein Ablauf, geprägt von harten Verhandlungen, war manchmal ziemlich theatralisch… Die Schweizer hatten keine grosse Lust, eine Skala mit 8 Stufen zu übernehmen, weil die Franzosen das zuvor so gemacht hatten. Und natürlich wollten die Franzosen die in der Schweiz geltende Skala mit 7 Stufen nicht! Ausserdem wollte niemand eine Skala mit 9 Stufen, weil das kompliziert wirkte, und auch keine mit 6 Stufen ohne «Mitte». Am Ende wurde eine Skala mit 5 Stufen gewählt. Gut. Das Problem dieser einfachen Skala ist, dass Stufe 1 nicht sehr nützlich ist: Sie wird vor allem dann ausgegeben, wenn kein Schnee liegt und niemand Ski fährt (heute wird sie allerdings besser genutzt). Und Stufe 5 brauchst du nicht, denn wenn du nicht völlig verrückt bist, verstehst du leicht, dass die Gefahr sehr gross ist. Die Strassen sind dann sowieso gesperrt, und du kommst vor lauter Schnee nicht einmal ins Gleiten. Bleiben also 2, 3 und 4. Das ist zu wenig. Also hat man beschlossen, Zwischenstufen einzuführen, was in der Schweiz seit letztem Winter gilt. Denn die Skala auf europäischer Ebene zu ändern, das schaffst du nicht mehr, dafür müssen alle Länder zusammenkommen,

und alle müssen einverstanden sein… Ich persönlich finde diese Initiative gut, denn sie macht die Skala präziser, ohne alles zu ändern. Die 2+ war vielleicht nicht unbedingt nötig: Vor allem 3+ und 4+ bringen eine wertvolle Präzisierung. Es gibt 2+, 3-, 3=, 3+ usw. Die Skala ist feiner, aber wird sie auch gut genutzt? Viele Profis werden dir sagen, dass man die Kettensäge verbessert hat, der Holzfäller deshalb aber nicht besser geworden ist. Zur Entlastung derjenigen, die die Bulletins verfassen, muss man sagen, dass es schwierig ist, eine Gefahrenstufe festzulegen. Sie hängt nämlich von der Instabilität der Schneedecke ab, aber auch von der Grösse der Lawinen. Bei derselben Stufe 4 kann es also viele mittelgrosse Lawinen oder einige sehr grosse Lawinen geben. Deshalb ist es unerlässlich, das Bulletin vollständig zu lesen, um die Lage richtig zu verstehen.

MR: Könnte die Kartografie mit Smartphone-Apps deiner Meinung nach eine Lösung sein?

RB: In Zukunft vielleicht, aber heute nicht. Der Skifahrer muss die Gefahr nämlich genau dort kennen, an dem Hang, den er gleich hinunterfahren will. Diese Gefahr lässt sich aber nicht aus dem Bulletin ableiten, selbst wenn man Hangneigung und Hangausrichtung kennt. Die Instabilität hängt nämlich von sehr vielen lokalen Faktoren ab, die derzeit nicht gemessen werden und sich nur schwer berechnen lassen. Ausserdem gehen manche Lawinen auf frühere Wetterereignisse zurück und sind deshalb ohne eine Untersuchung der Schneedecke vor Ort sehr schwer vorherzusagen. Ein Beispiel: Nach 3 Wochen mit sehr trockenem und sehr kaltem Wetter zu Saisonbeginn, wenn die Schneedecke noch dünn ist, bildet sich in den Nordhängen eine schwache Schneeschicht; am Ende der Saison gehen dann zur allgemeinen Überraschung grosse Lawinen ab, wie dieses Jahr beim Xtrème de Verbier: Am Bec des Rosses ist die Schneedecke bis auf den Boden abgerutscht, obwohl eher mässig Schnee lag.

In den Modellen ist man aber gezwungen, die Phänomene zu vereinfachen und die Zahl der Daten zu begrenzen, sonst wird jede Situation zum Einzelfall, und das Lernen wird unmöglich. Je detaillierter die Beschreibungen, desto weniger effizient ist das Modell, ausser man verfügt über eine riesige Datenbank. Heute sind die Lernmethoden wirklich gut entwickelt, aber das Phänomen Lawine hängt von so vielen Faktoren ab, dass es noch sehr schwierig ist, sie anzuwenden. Eine gute lokale Prognose auf dem Smartphone ist noch kein Thema.

MR: Du sagst also, dass die Modellierung super ist, aber von zu vielen Parametern abhängt, um einem Skitourengeher zu nützen?

RB: Genau. Aber morgen wird die Modellierung vielleicht eine wertvolle Verbündete des Skifahrers sein, denn die Fortschritte der KI sind im Moment unglaublich! In der Zwischenzeit kann der Skifahrer selbst eine Diagnose stellen. Dazu muss er die aussagekräftigsten Kriterien kennen, welche die Schnee- und Wetterverhältnisse, die topografischen und geografischen Gegebenheiten sowie die Gruppe beschreiben. Mit diesen Kriterien lässt sich ein Punktwert ermitteln, der hilft, ein lokales Risiko besser einzuschätzen. Wenn diese Faktoren gut gewählt sind und sie nicht nur die Lawinenwahrscheinlichkeit, sondern auch den möglichen Schaden bestimmen, dann ist die Diagnose fundiert und die Entscheidung überlegt.

MR: Warst du in den Bergen schon einmal in lawinengefährlichen Verhältnissen? Man sagt oft, der Schuster habe die schlechtesten Schuhe, aber wenn ich mit dir in den Bergen bin, sollte ich doch sicherer sein…

RB: Ja, das ist mir (selten) passiert, und ich bin nicht stolz darauf. Eine stark befahrene Strasse zu sperren, kann eine ganze Region lahmlegen. Man muss sicher sein, die richtige Entscheidung zu treffen, und das geht nur, wenn man in den Anrissgebieten Daten erhebt. In solchen Fällen liess ich mich mit dem Helikopter zwischen den 2 Felsnadeln dort absetzen, suchte einen sicheren Weg durch die Felsen und legte ein Seil, um in den Hang abzusteigen, ohne mich zu weit vorzuwagen. Ich machte meine Profile und alle nötigen Messungen. Wenn ich dann zum Schluss kam, dass die Schneedecke doch ausreichend stabil war, fuhr ich ab. Sonst liess ich mich vom Helikopter wieder abholen, denn ich hätte nicht nur mitgerissen werden können, sondern riskierte auch, eine Lawine auf die Strasse auszulösen. Ich habe solche Einsätze nicht sehr oft wiederholt, denn diese Art Arbeit ist wirklich sehr exponiert.

MR:Die Italiener gehen sehr hart vor, mit jüngsten Prozessen gegen Skifahrer, die Lawinen auslösen. Was hältst du davon?

RB:Ich finde, dass es Zonen gibt, die für Skifahrer vorübergehend gesperrt werden sollten. Zum Beispiel die Zonen oberhalb der Warteschlangen an den Bergbahnen. Denn wenn dort eine Lawine abgeht, tötet der Betreffende vielleicht 15-20 Menschen. Ich weiss, dass man in der Bergwelt von solchen Einschränkungen nichts hören will, aber meiner Meinung nach muss man einige heikle Zonen sperren, damit die anderen frei bleiben können. Sonst gibt es früher oder später einen grossen Unfall und danach zahlreiche Verbote.

Dagegen halte ich das Auslösen einer Lawine nicht für ein Delikt, sofern sich die Skifahrer vor dem Einfahren in den Hang vergewissert haben, dass eine von ihnen ausgelöste Lawine keinen Schaden anrichten würde. Wie auch immer: Die Gerichte wenden das Recht an, und jeder muss sich daran halten…

MR: Man kann eine Parallele zum Tauchen ziehen, wo man ein Brevet braucht, um tauchen zu gehen…

RB:Sicher, das Ergebnis ist positiv, weil es weniger Unfälle gibt. Aber solange du anderen nicht schadest, stört es mich nicht, dass du Risiken eingehst. Für alle Outdoor-Aktivitäten würde ich empfehlen, sich gut auszubilden, sich gut auszurüsten, sich immer zu informieren und sein Wissen und sein Material auf dem neusten Stand zu halten. Von zu strengen und undifferenzierten Pflichten und Verboten halte ich aber nichts.

MR: Das gibt es in einigen Skigebieten, zum Beispiel in Japan, mit einer Bewilligung für das Fahren abseits der Pisten nach einer LVS-Ausbildung…

RB: Das finde ich absolut verwerflich. Wenn du von einer Lawine erfasst wirst, bist du in einem von zwei Fällen tot, trotz deines LVS. Das ist wie ein Rettungsring auf einem Ozeandampfer. Für mich muss man alles tun, um keine Lawine auszulösen, und vor allem ist es grundlegend, niemand anderem zu schaden. Wir haben eine Sorgfaltspflicht (und nicht nur eine Hilfeleistungspflicht) gegenüber den anderen, aber jeder sollte frei wählen können, wie er sich schützt.

MR: Letztlich haben diese ganze Sicherheitsausrüstung und diese Ausbildungen den Sport doch weiterentwickelt und vorangebracht…

RB: Das ist sehr positiv, und deshalb habe ich sofort Ja gesagt, als Dominique Perret mich gebeten hat, bei WEMountain mitzuhelfen. Es ist gut, dass sich die Leute ausbilden, und zwar so gut wie möglich. Es ist gut, dass man sie informieren kann, und deshalb ist das Lawinenbulletin sehr nützlich, auch wenn es nicht perfekt ist. Erst wenn man anfängt, mit den Wörtern «obligatorisch» und «verboten» um sich zu werfen, fällt es mir schwer, zuzustimmen.