Interview: Dominique Perret, Mitgründer von WEMountain, «Es brauchte etwas Innovatives»

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Mathieu Ros Medina

Mathieu Ros Medina ist begeistert von den Bergen, vom Skifahren und vom Snowboarden und bringt über 15 Jahre Erfahrung als Journalist in diesen Bereichen mit.

Dominique Perret ist eine Legende des Freeride-Skifahrens und einer seiner Pioniere, ein Vorreiter einer Disziplin, die sich Anfang der 80er-Jahre über das Bild entwickelt hat. Im Jahr 2000 wurde er an den Board Awards in Paris zum «besten Freeride-Skifahrer des Jahrhunderts» gekürt. Er sprang hoch (Weltrekord im Klippensprung mit Ski 1990) und fuhr schnell (1991 in Portillo mit über 210 km/h geblitzt). Geboren und aufgewachsen in La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura, wurde Dom quasi «auf den Ski geboren». Nach einer langen Karriere, die ihn auf die schönsten Hänge in allen Ecken der Welt geführt hat (darunter die Everest-Nordwand), und mit mehr als 28 Filmen auf seinem Konto, wollte er seine Erfahrung weitergeben, um die Sicherheit am Berg zur Priorität zu machen. Der Gründer von WEMountain erzählt uns, wie das Projekt entstanden ist, und spricht über seine leidenschaftliche Sicht auf Geschwindigkeit und Schnee.

MR: Wie bist du Profi-Skifahrer geworden, zu einer Zeit, als es das praktisch nicht gab? Ich erinnere mich an Soul Pilot, 1998 oder 1999 in Alaska gedreht: Du hast auch ganz neue Arten des Skifahrens gezeigt?

Dom: Schon als Kind sagte ich, dass ich Freeride machen würde, und die Leute lachten, aber es steckte in mir, ich wusste es. Ich habe Maschinenbau studiert, gerade um zu lernen, wie man Ski entwickelt, und um die Materialien zu verstehen. Ohne diese Leidenschaft fürs Skifahren hätte ich wohl nie studiert.

Am Ende meines Studiums bin ich ein bisschen Geschwindigkeitsski gefahren, weil ich das lustig fand, und in Chamonix habe ich Didier Laffont kennengelernt. Das war die Zeit, in der Edlinger seine ersten Filme vom Free-Solo-Klettern drehte, und der Beginn der Nuits de la Glisse: Man sah Skifahren, Klettern, Surfen, das war genial. Ich glaube, das war der Wendepunkt der Freeride-Sportarten. Denn plötzlich verstanden die Leute, dass man diese freien Sportarten filmen konnte, dass sie sexy Bilder lieferten, und sie erreichten ein breites Publikum.

Im Winter 1985 hatte ich mit einem sehr grossen Sprung in Champéry für Schlagzeilen gesorgt, damals Weltrekord, 34,60 m. Das hat mich nach Chamonix gebracht, denn man hatte mir gesagt, dass dort alles passiert, mit den Monoskifahrern und den ersten Snowboardern, die ihre Heldentaten filmten.

Sehr schnell habe ich verstanden, dass das mein Leben ist. Und statt mich für Filme engagieren zu lassen, habe ich meine eigene Produktionsfirma gegründet und bin zu den Marken gegangen. Denn ich hatte früh verstanden, dass ein Sponsor Sichtbarkeit will, ob du nun Formel 1, Tennis oder Ski machst. Das gab es damals nicht, ich sagte ihnen: «Ich mache das, wollen Sie mitkommen?» Das war immer die Idee: etwas zu erschaffen und den Leuten vorzuschlagen, auf den Zug aufzuspringen, statt sie zu bitten, den Zug in Gang zu setzen.

Ich verschaffte den Sponsoren Sichtbarkeit, und statt meine Filme an 3 oder 4 Fernsehsender zu verkaufen, gab ich sie grossen Vertrieben, die 400 Fernsehsender in 100 Ländern erreichten. So kamen die Partner wieder. Ich habe auf diese Weise 28 Filme gedreht, einen pro Jahr. Der letzte war 2012, Home Swiss Home, mit 50 Jahren. Was mich reizte, war, dorthin zu gehen, wo noch niemand gewesen war. Für mich war das Freeride: Spuren in Tadschikistan, in Usbekistan, damals in Alaska, in Norwegen ziehen, Orte entdecken, an denen vorher nur sehr wenige Leute Ski gefahren waren. Mit meinen Ski reisen.

«Meinen letzten Film habe ich mit 50 Jahren gedreht, nach 28 Saisons.»

Mathieu Ros (MR): Dominique, kannst du uns deine Geschichte als Skifahrer erzählen und was dich bis hierher gebracht hat?

Dom: Ich bin 1962 geboren und komme aus einer Skifahrerfamilie: Mein Vater war Schweizer Meister, er war in der Olympiamannschaft, er gehört zur Generation von Jean Vuarnet. Wir wohnten 500 m von einem kleinen Skilift entfernt, der sogar abends offen war. Wenn du als Kind in der Schule gut gearbeitet hast, durftest du mit deinen Freunden Ski fahren gehen. Um vom Skilift nach Hause zu kommen, musste man zwischen den Bäumen durch den Wald fahren und die Hänge «pumpen», und ich glaube, daher kommt meine Lust auf Freeride-Skifahren.

Ich spreche oft vom Duft des Schnees. Seit ich ganz klein bin, habe ich diesen Geruch des Schnees in der Nase, wenn er nass ist, wenn er matt ist… Der Jura ist eine äusserst sanfte Umgebung, kleine Berge, also gab es keine Risiken, und ich konnte mit einem äusserst nachsichtigen Schnee lernen. Wäre ich als Kind in den Alpen gewesen, hätte man mich nicht allein in die grossen Hänge gelassen. Deshalb hatte ich einen sehr freundschaftlichen Zugang zum Schnee und zur Natur.

Ich war im Skiclub, aber ich mochte den Wettkampf nicht, auch wenn ich eine ziemlich klassische Ausbildung als Skifahrer hatte, vor allem im Slalom und im Riesenslalom. Ich liebte das Skifahren, ich liebte den Wald, aber ich habe auch meine Tonleitern geübt, meine Technik, ich sage, das ist meine Musiklehre. Wenn du das beherrschst, kannst du problemlos in die grossen Berge und an die grossen Hänge gehen. Übrigens kommen Didier Cuche und andere grosse Champions wie George Schneider aus derselben Region.

«Ohne diese Leidenschaft fürs Skifahren hätte ich wohl nie studiert.»

MR: Du bist von 30 m hohen Felsbändern gesprungen und bist nach deinen eigenen Worten «im Reinen mit dem Tod». Wie hast du dein eigenes System zur Risikoanalyse aufgebaut?

Dom: Ich bin von der Ausbildung her Maschinenbauingenieur, und dazu gehört unter anderem, zu lernen, wie man Risiken in der Industrie analysiert. Darauf beruht meine Grundlage: Wie fühlst du dich, wie ist die Umwelt, welche Risikofaktoren gibt es, welche Informationsquellen, welches spezifische Gelände. Das sind Grundlagen der industriellen Risikoanalyse, die ich auf das Skifahren übertragen habe. Darauf habe ich meine ganze Karriere aufgebaut und es Schritt für Schritt verfeinert.

Wenn du Athlet bist, sind deine Form, dein Körper und deine mentale Verfassung enorm wichtig. Ich habe diese Prinzipien eingeführt, und sie haben jahrelang sehr gut für mich funktioniert. So hatte ich, wenn ich irgendwo ankam, eine klare Disziplin, ein System zur Analyse. Als ich mein Wissen weitergeben wollte, wusste ich, dass es für mich gut funktionierte, aber ich musste es mit Fachleuten bestätigen lassen. Mit Ärzten, mit Schnee- und Lawinenforschern wie Bolognesi. So konnte ich dieses System bestätigen.

Ich habe immer einen Rucksack dabei, aber in den 90er-Jahren gab es kein LVS, keine Sonde, keine Lawinenschaufel. Wenn du Ski gefahren bist, konntest du nur auf dich selbst zählen. Dadurch konnte ich ein System entwickeln, in dem du absolut selbstständig sein musst. Heute fahre ich natürlich mit einem Airbag, aber meine Ausbildung hat nicht dort angefangen.

«Mir ist klar geworden, dass ich in 30 Saisons 30 Freunde verloren hatte»

MR: Welche persönlichen Erfahrungen haben in dir den Wunsch geweckt, dein Wissen zu teilen?

Dom: An dem Tag, an dem ich mit den Videos aufgehört habe, sagte ich mir, dass ich meine Leidenschaft gelebt hatte, dass ich weit über alles hinausgegangen war, was ich mir hätte vorstellen können, und dass es Zeit war, weiterzugeben, etwas von dem zurückzugeben, was ich bekommen und was ich verstanden hatte. Als ich Bilanz über meine Karriere zog, wurde mir klar, dass ich in 30 Saisons 30 Freunde verloren hatte, eine Katastrophe wie bei den Formel-1-Piloten der 50er-Jahre. Ich sah auch, dass es keine richtige Ausbildung gab, nur sehr wenig. Was es gab, war vor allem LVS-Suche, also Kundendienst der Marken, die das Material verkauften. Oder dann gab es veraltete Dinge aus den 70er-Jahren wie die Reduktionsmethode, die mir nicht gefielen.

Ich liebe diesen Sport, er ist meine Leidenschaft, und jedes Mal, wenn es einen Unfall gibt, bedrückt es mich, wie dumm wir dastehen. Die Kommentare lauten jedes Mal: «Man muss das verbieten, sie wissen nicht, was sie tun.» Also wollte ich ein Ausbildungssystem schaffen, um einen verantwortungsvollen Sport zu ermöglichen. Alle Sportarten mit grossem Risikopotenzial haben eine Ausbildung in Stufen eingeführt. Die Taucher, die Gleitschirmflieger und die Fallschirmspringer haben das sehr gut gemacht. Warum machen wir das beim Skifahren nicht?

«In anderthalb Jahren haben wir mehr als 3000 Mitglieder, das ist ein echter Erfolg.»

MR: War das damals die Grundlage der ISTA (International Snow Training Academy)?

Dom: Genau. Was mir vor allem Sorgen machte, war die Zunahme der Unfälle. Für mich ist Ausbildung der einzige Weg, unsere Freiheit zu bewahren. Und ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Gegenwind bekommen würden. Denn am Anfang fanden die Kurse vor Ort statt, mit Bergführern und Skilehrern. Ich hätte nie geglaubt, dass es so viele Konflikte mit ihnen geben würde, obwohl sie es waren, die die Kurse gaben. Dieses erste Modell, die ISTA, wurde von den Leuten aus der Bergwelt komplett sabotiert. Zum Glück kam COVID. Wir hatten viel Geld investiert, aber mit COVID funktionierte das Geschäftsmodell nicht mehr, also hatte ich die Idee, etwas anderes zu machen, und wir haben die digitale Dimension eingeführt, mit Online-Kursen.

Wir hatten einen direkten Kontakt zu den Wintersportlern, ohne Skischule, und sobald jemand ein digitales Zertifikat hatte, konnten wir ihn an einen Profi weiterleiten. Das hat alles verändert, und die Leute konnten so auch auf dem Handy oder am Computer lernen. Das erleichtert den Einstieg. Früher musste man einen freien Tag finden, eine Gruppe zusammenstellen, zu einem Bergführer gehen, das war kompliziert. Dank der Technologie und des Digitalen machst du einen ersten Schritt, und das macht Lust auf mehr. In anderthalb Jahren haben wir mehr als 3000 Mitglieder aus 52 Nationen, das ist ein echter Erfolg.

MR: Deine Sicht auf die Sicherheit am Berg hat sich über die Jahre weiterentwickelt… und ein wichtiger Punkt ist, den Wintersportler, den Rider, wieder in den Mittelpunkt zu stellen

Dom: Es gibt eine unglaubliche Zahl: Bei 90 % der Opfer wurde die Lawine von ihnen selbst oder  von einem Mitglied der Gruppe ausgelöst. 90 % der Opfer gehen also auf eine schlechte Entscheidung zurück. Man muss sich unbedingt mit dem menschlichen Faktor befassen. Der Athlet und die Umwelt, das ist 50/50. Früher wurde die Bergwelt nur von Leuten aus den Bergen gestaltet. Bergführer und Skilehrer haben sich kaum mit dem Persönlichen auseinandergesetzt, mit ihnen kannst du nicht über Emotionen reden, und all diese menschlichen Faktoren wurden etwas vernachlässigt. Deshalb war es mir sehr wichtig, mit Ärzten, Psychologen und Fachleuten für Schlaf und Flüssigkeitszufuhr zu arbeiten. Robert Bolognesi (hier im Interview) analysiert Unfälle, und man stellt fest, dass meist nicht ein grosser Fehler das Drama ausgelöst hat, sondern eine Folge kleiner Fehler. Der Typ hat schlecht geschlafen, hat ein bisschen Jetlag, hat nicht richtig gegessen, am Morgen nicht genug getrunken, ist immer am Ende der Gruppe usw. Was wir versuchen, ist, jedes kleine Element aufzuspüren und abzusichern, damit es nicht zu einer grossen Fehlentscheidung kommt.

Die neuen Werkzeuge, die wir entwickelt haben, sind unglaublich. Denn den Berg messen wir: die Hangneigung, den Schnee, die Temperatur, all das wird gemessen, also ist es klar umrissen. Du hingegen wirst nicht gemessen. Wir haben deshalb ein Werkzeug entwickelt, den MHF, für Mountaineering Human Factor, mit dem du dich selbst misst, anhand von Aussagen, die du ausfüllst, und der dir deine Verfassung zeigt: ob du angespannt, entspannt oder neutral bist. Das ist nicht nur ein Gefühl, du bekommst wirklich dein Spiegelbild. So bekommen wir den menschlichen Faktor ziemlich gut in den Griff, zusätzlich zum natürlichen Faktor.

«Ich fahre gerne schnell. Wenn du schnell fährst, gibt es keinen Platz für Überflüssiges.»

MR: Deine Mail-Signatur lautet «speed is your friend». Abgesehen davon, dass das für einen Schweizer nicht alltäglich ist: Stimmt das am Berg immer noch?

Dom: Ich fahre gerne schnell. Wenn du schnell fährst, gibt es keinen Platz für Überflüssiges. Wenn du bei etwas schnell bist, hast du alles weggelassen, was nichts bringt. Das gilt auch für ein Unternehmen. Du fährst in der Falllinie. Ich mag diese Idee der Einfachheit und diese Geste der Geschwindigkeit, die zwangsläufig rein ist. Ein 100-m-Läufer muss so präzise wie möglich sein: Die Geschwindigkeit zwingt dich, deine Bewegung genau zu führen.

«Die Maschen im Netz des Lawinenbulletins sind für den Walfang gemacht, wir Skifahrer aber sind Krevetten, also schlüpfen wir hindurch.»

MR: WEMountain ist auch eine Geschichte von Begegnungen. Wie siehst du diese Gemeinschaft, die du rund um die Sicherheit am Berg zusammenbringst?

Dom: In WEMountain steckt dieses «WE», da ist die Gemeinschaft. In meinen 30 Jahren als Rider habe ich überall im Schnee Leute getroffen, und für dieses Projekt habe ich mehr als 40 Fachleute zusammengebracht. Meine Idee war, zu versuchen, die besten Praktiken aus der ganzen Welt zusammenzuführen. Nicht zu sagen, dass die Methode der Schweizer besser ist, oder die der Italiener, der Franzosen oder anderer. Nein, wir spielen alle dieselbe Partitur. Die Kanadier zum Beispiel sind für Skifahrer in Sachen Schnee und Risiko am weitesten, mit den InfoEx, die in den Heliski-Basen entwickelt wurden.

Mein Ziel ist wirklich, die besten Praktiken aufzuspüren, sie zu vereinheitlichen und daraus ein System zu machen. Wenn du zu WEMountain kommst, ist die Idee, dass du deinen Kurs in Paris, London, Norwegen, New York oder Japan machen kannst und dass das, was du lernst, universell ist. Und das ist wichtig: diese Gemeinschaft zusammenzubringen, um gemeinsam ganzheitlich nachzudenken.

In der Schweiz bringt man dir das Lawinenbulletin und die Reduktionsmethode bei. Das ist schön und gut, aber es funktioniert nicht richtig. Wenn du in Norwegen Ski fahren gehst, gibt es kein Lawinenbulletin, du lernst also eine Methode, die nur bei dir zu Hause funktioniert. Die Idee ist, davon wegzukommen und wirklich ganzheitlicher zu denken.

Und vor allem Werkzeuge zu nutzen und zu erfinden, die von Skifahrern für Skifahrer entwickelt werden. Denn die Lawinenbulletins sind ursprünglich für die Gemeinden gemacht, für die Strassen, die Bahnen, die Dörfer, und danach hat man sich gesagt, dass man sie auch den Skifahrern geben könnte. Aber die Maschen im Netz des Lawinenbulletins sind für den Walfang gemacht, wir aber sind Krevetten, also schlüpfen wir hindurch.

Und vor allem hat das heutige Skiniveau nichts mehr mit dem der 70er- und 80er-Jahre zu tun, also braucht es etwas Neues, etwas Innovatives.